Wenn Farbe schwingt und singt.
Es gibt eine berühmte Novelle, in der beschrieben wird, wie ein Vermögensverwalter in monatelanger Einzelhaft in einem zur Gestapozentrale umfunktionierten Wiener Hotel aus einem Militärmantel ein Buch entwendet.
Zur Enttäuschung des Inhaftierten beinhaltet dieses Buch kein anregendes literarisches Werk, sondern eine Sammlung berühmter Schachpartien.
Um nach langer geistiger Entbehrung einer Betätigung nachzugehen, beginnt Dr. B., so wird die Hauptfigur in der Erzählung genannt, die Partien nachzuspielen, zuerst auf einem karierten Betttuch, später nur noch rein geistig. Diese Übungen gehen so weit, dass er am Ende neue Partien entwickelt, in denen er seine Persönlichkeit in „Ich Schwarz“ und „Ich Weiß“ spaltet, um gegen sich selbst anzutreten, was zweifelsohne höchst ungeeignet ist, um ein gesundes psychisches Gleichgewicht zu bewahren.
Was Dr. B. versucht, um der geistigen Deprivation zu entgehen, ist, durch eine Reihe von Übungen seine Vorstellungskraft zu erweitern, welche ihm ermöglicht, rein mental über ein fiktives Schachspiel zu schweben, das gesamte Brett im Blick zu haben und zugleich alle Möglichkeiten und Konsequenzen der Züge aus unterschiedlichsten Blickwinkeln zu prüfen. Was im Schach eine immense Herausforderung darstellt, aber bewiesenermaßen erlernbar ist.
Was sich nicht erlernen lässt, zumindest nicht in dieser ausgeprägten Form, ist die Fähigkeit, Töne farbig zu empfinden beziehungsweise zu sehen. Dieses Phänomen wird mittlerweile wieder häufiger besprochen und es gibt internationale Studien und Ausstellungen, die versuchen zu ergründen, warum bestimmte Menschen Wörter fühlen, Töne schmecken, Gefühle hören oder Zahlen farbig sehen.
Synästhesie ermöglicht Menschen, ihre Umwelt anders wahrzunehmen. Gekoppelte Sinneswahrnehmungen gibt es in ganz unterschiedlichen Ausprägungen. Das ist keine Krankheit, sondern eine besondere Fähigkeit, die in der Gesellschaft noch relativ unbekannt ist.
Karin Bauer hat früh erfahren, dass Musik bei ihr visuelle Farbeindrücke hinterlässt. Je nach Temperament und Dynamik der gespielten Musik erscheinen vor ihrem geistigen Auge fächerartige Farbskalen. Verknüpft mit ihrer emotionalen Wahrnehmung der musikalischen Stimmungen entwickelt sich ihre Farbigkeit von einer heiter, strahlend leuchtenden Morgenröte über ein lichtdurchflutetes blau/grün/türkises Meeresrauschen bis hin zur tiefen nächtlich-blauen Dunkelheit. Seltener wird ihr Farbspektrum stumpf, matt und grau.
Trotz dieser Fähigkeit musste sie lernen, wie man mit Farbe umgeht und sie entsprechend einsetzt, welchen Einfluss die Textur des Malgrundes hat, wie die Wahl der Hilfsmittel und des Werkzeuges die Bildwirkung beeinflusst, was sie jahrelang bei vielen Lehrmeistern erproben konnte, um ihre synästhetischen Eindrücke malerisch festzuhalten.
Ein persönliches Schlüsselerlebnis hatte ich mit Karin Bauer in Verbindung mit einer Übung in einem Studiengang für Malerei und Zeichnung, bei der mit Schwarz und Weiß – da wären wir wieder beim Schachbrett – unterschiedliche Grauwerte und Helligkeitsabstufungen gemischt werden sollten, im Zuge dessen ich feststellen musste, dass sich ihr Gemütszustand sichtlich verschlechterte. Als ich sie darauf ansprach, entgegnete sie mir: „Ich seh nichts, ich fühl nichts! Ich brauch Farbe!“
Nachdem ich darauf die Übung spontan erweitert habe und individuelle Farbabstufungen mischen ließ, stieg die Stimmung in der gesamten Gruppe spür- und hörbar zur ausgelassenen Heiterkeit an.
Bildhafter könnte ich es nicht beschreiben, wie direkt der Entzug von Farbigkeit bei Karin Bauer zu einer Antriebsschwäche führen kann, geschweige denn, was ein Musikverbot bei ihr auslösen würde.
Nun stelle man sich vor, man stünde vor einem begehbaren Schachbrett, dessen Felder nicht schwarz/weiß, sondern in diversen Farben gefärbt wären, selbst die Figuren wären unterschiedlich bemalt, das Ganze würde musikalisch umrahmt werden und alles wäre in Bewegung ohne nachvollziehbare Ordnung und trotzdem rhythmisch koordiniert.
Ich sehe ein barockes Schauspiel. Was assoziieren Sie mit diesem Bild?
Genau dieses Vorstellungsvermögen ermöglicht uns, Zusammenhänge zu erkennen, die oberflächlich betrachtet kaum sichtbar sind. Letztendlich ist es diese Fähigkeit, die uns hilft, alle erdenklichen Formen der Kunst und ihre Resonanzen wahrzunehmen.
Es sei mir hoffentlich verziehen, wenn ich keine kunsthistorischen Verweise oder technischen Ausführungen, genauso wenig inhaltliche Erklärungen zu Karin Bauers Bildern anbiete.
Ich hoffe vielmehr auf intuitives und imaginatives Verständnis.
Achten Sie auf die Titel ihrer Bilder und die Bezeichnungen der Zyklen.
Vor allem aber, lassen Sie sich bitte treiben, bis Sie eins ihrer Bilder „anspricht“, „anlacht“ oder womöglich „ansingt“!
Helmut Geier
Akademischer Maler, München